Mittwoch, 7. Oktober 2015

Nein, ich werde nicht den Mund halten

Manchmal weiß man nicht, wie man anfangen sollte. Denn man würde am liebsten einfach alles von der Seele schreiben, was einem einfällt. Doch dann hält man sich am Anfang auf und anstatt, dass man wirklich zu dem kommt, was man schreiben will, versucht man Worte zu finden, Worte, die einem den Anfang erleichtern. Doch es ist nicht leicht. 

Wann es anfing? Das mit dem nicht leicht sein. Keine Ahnung, wohl aber bei der ersten Wahl, wo mir bewusst wurde, dass Menschen nicht immer mit Hirn wählen. Oder tun sie es doch und sind in Wahrheit Rechts Außen positioniert? Wie auch immer, es war dann wohl die Landtagswahl bei mir im Heimatland Kärnten 2009. Dort erreichten die Rechten fast über 50% der Stimmen. Lebte ich tatsächlich mit rechtsgesinnten Menschen zusammen?

Ja?

Ich selber bin Kärntner Slowenin. Mein ganzes Leben habe ich mitbekommen was es heißt, nicht ganz so Teil der eigenen Landesbevölkerung zu sein. Wer wir Kärntner Slowenen sind? Eine autochthone Minderheit in Kärnten. Wir leben dort seit Jahrhunderten, allein die Familie meines Vaters hat ihren Hof nachweislich seit dem 15. Jahrhundert in Müllnern / Mlince. Und doch, leider vermittelten mir viele meiner Kärntner Nachbarn, dass ich nicht willkommen bin. 

Wenn ich mit meinen Eltern als Kleinkind in der Stadt unterwegs war und wir Slowenisch sprachen, dann sahen uns die Menschen komisch an. Ein Nicht-Willkommensein, das spüren auch kleine Kinder. Vielleicht noch mehr als Erwachsene?
In der Volksschule ging es weiter. Mir und meiner besten Freundin (wir waren die einzigen slowenischen Kinder in meiner Schulstufe) wurde von anderen Kindern Sätze an den Kopf geworfen wie "Horruck über die Karawanen mit euch" "Scheiß Jugos". Ich wusste nicht, was Jugoslawien war zu der Zeit noch, was ich über den Karawanken zu suchen hatte. 
Stieg ich in den Schulbus ein, passierte es, dass man mir ob meiner Volksgruppenzugehörigkeit Schimpfwörter an den Kopf warf. Mein Kontakt zu den Dorfkindern beschränkte sich irgendwann auf ein gezwungenes "Hallo", wenn man sich mal wo traf. Wenn überhaupt. Denn ich wurde gemieden, ich war doch eine Kärntner Slowenin.
Stellten wir eine zweisprachige Tafel auf unserem privaten Grundstück auf mit ausreichend Abstand zu der Straße, dann wurde diese Tafel beschmiert und einmal sogar entwendet. Wie bei so vielen anderen slowenischen Familien auch. 

Im Gegensatz zu Freunden ging es mir aber noch relativ gut. Einmal sagte ein Buschauffeur zu Bekannten von mir "Euch hätten wir auch noch vergasen sollen". Ein anderes Mal meinte ein Kontrolleur im Zug zu Bekannten "Der Hitler hat euch wohl vergessen oder wie?!". Das passierte nicht nur einmal.
Man blickte uns böse an, wenn wir Slowenische in der Stadt sprachen oder machte sich lustig aus unserer Sprache. 

Wobei, wenn ich an Erzählungen meiner Eltern denke, dann kann sich meine Generation glücklich schätzen. Wer den Ortstafelsturm miterlebt hat, der weiß, wie sich die Bevölkerung damals aufheizen hat lassen. Es wurden zweisprachige Ortstafeln abmontiert (ein Strafverbrechen!) und die Polizei sah tatenlos zu. Noch besser, sie schütze die Abmontieren. 
Es passierte nicht selten, dass in der Generation meiner Geschwister (meine Geschwister sind 17 bis 21 Jahre älter als ich!) Leute zusammen geschlagen wurde da sie Slowenen waren. 
Wieso ich euch das erzähle? Weil dies auch ein Grund ist wieso ich heute nicht die Klappe halten kann. Weil sich das wiederholt. Nur sind wir Kärntner Slowenen in Kärnten nicht mehr das "Hassobjekt" Nummer 1 sondern wurden von Flüchtlingen und Asylwerben "abgelöst". Deswegen verstehe ich es auch nicht, wieso manche Kärntner Slowenen ob ihrer eigenen Erfahrungen auch etwas gegen die Ärmsten der Ärmsten haben, aber das lasse ich einmal beiseite.

Nein, ich kann nicht die Klappe halten ob der steigenden Wahlerfolge der FPÖ, einer Partei, welche die ehemaligen Mitglieder des Verbandes der Unabhängigen absorbiert hat. der VdU war übrigens ein Sammelbecken von "Altnazis" in Österreich. Einer Partei, die "Flüchtlinge in einer Hercules Maschine abschieben will, dann könnten sie dort drinnen schreien so laut sie wollen" (Belakowitsch-Jenewein, NR-Sitzung 17.06.2015). Einer Partei, welche den Bürgermeisten von Wien als "Türken Bürgermeister" bezeichnet (Maximilian Kraus, unter anderem hier). Kurzum einer Partei, die gegen die Ärmsten der Armen hetzt. Am liebsten die Grenzen verschließen würde und mit Plakaten wie "Islam statt daham" geworben hat.

Nein, ich kann meine große Klappe nicht halten und will es nicht. Ich kann dies nicht ob meiner eigenen Herkunft. Aufgrund der Tatsache, dass mich meine Menschen zu einem Menschen mit Herz erzogen haben. Weil ich eine gläubige Christin bin und mich mein Glaube zu der Nächstenliebe "verpflichtet" und nicht zu einem ausschließen wie es manche ach so Gläubige praktizieren. 

Ich bin besorgt. Und zwar um unsere österreichische Bevölkerung. Wohin geht die? Ich habe wahrlich keine Lust in einem Land zu leben dass von der FPÖ regiert wird. Dazu hat diese Partei viel zu viel Übel über das Land gebracht. Nein, ich möchte in einem Land leben, dass einem hilft, wenn man Hilfe braucht, egal, welcher Volksgruppe, welche Religion oder welcher Nation man angehört. Ich würde gerne in einem Land leben, in dem sich die Menschen so akzeptieren, wie der andere ist. Einem Land, dass nicht schon wieder in internationalen Medien ob der Erfolge der Rechts Außen Partei auffällt.

Dass ein solches Land möglich ist, dass zeigt mir die große Hilfsbereitschaft der österreichischen Bevölkerung. Ein solches Land ist möglich, dass sehen wir an den Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus und Populismus wehren. Mit Worten, nicht mit Gewalt. Ein solches Land ist möglich und ich werde dafür kämpfen, dass Österreich wieder zu einem solchen Land wird. Und ich bin nicht allein. 

Kommentare:

  1. danke für diese ehrlichen worte - vielleicht auch weil man sie auf "life style blogs" nicht erwartet! ich glaube, dass dies nicht nur ein österreichisches Problem, sondern generell ein europäisches, denn rechts zu wählen ist keine Schande (mehr) ... ich bin selbst Flüchtling der 90ger Jahre - und kann sehr gut nachempfinden, wie es den vielen Menschen, die nach Europa kommen, geht! Auch deine Erlebnisse aus der Kindheit/Jungend kenne ich aus meiner eigenen ...
    Ich hoffe, dass wir in Wien zumindest zeigen, dass "rechts" keinen Platz hat! glg Divna

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  2. Es ist schön, dass dein Mund nicht still bleibt und du von deinen Erfahrungen berichtest. Einfach schrecklich.

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